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Gauck nominiert, schon kommen die Nörgler

Ein Kommentar von Th. Hausen

Die Nominierung von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten ist noch keine 24 Stunden alt, schon kommen die immer gleichen Nörgler aus ihren Löchern, allen voran die NRW-Linken, um ihre Animositäten gegen den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler zu verbreiten. Die Schlagwaffe: Polemik und aus dem Kontext gerissene Zitate in stark verkürzter Form, die zeigen, dass man sich mit Gaucks Inhalten nur rudimentär beschäftigen will.

In einer Pressemeldung der Linken NRW von heute, die man schon fast als linkes Kampfpamphlet bezeichnen kann, wirft man Gauck Kritik an der bankenkritischen Occupy-Bewegung vor, stempelt ihn zum vermeintlichen Freund und inhaltlichen Unterstützer Sarrazins ab, und erregt sich über seine Kritik an den Protesten der Stuttgart 21 Gegner.

Dabei beherrscht Joachim Gauck das Wort, geschrieben oder gesprochen, in Perfektion. Schwer zu glauben, dass sich dieser Mann um Kopf und Kragen redet. Dieser Mann weiß wovon er spricht und er weiß genau, wie er es kommuniziert. Grund genug also, sich mit Gaucks Äußerungen einmal etwas genauer zu beschäftigen, statt alles aus dem Zusammenhang gerissen durch die rote Brille zu sehen.

Was hat Gauck denn nun tatsächlich gesagt?

Joachim Gauck wird vorgeworfen, die Occupy- Bewegung als „unsäglich albern“ bezeichnet zu haben. Gauck sagte: „Der Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung von Märkten entledigen könne, ist eine romantische Vorstellung. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass alles schön ist, wenn man das Kapital besiegt. Die Bürgerproteste gegen die Banken und das Finanzsystem werden verebben.“

Seine Kritiker laufen dagegen Sturm. Tatsächlich ignorieren sie jedoch, dass Gaucks Kritik an einer Vergesellschaftung der Banken auf seinen Erfahrungen des verstaatlichten Bankenwesens der DDR beruhen. Nicht eben eine Erfolgsstory, wie wir alle wissen. Gauck warf mit seiner Argumentation lediglich die Diskussion auf, ob es tatsächlich sinnvoller sei, Politikern die Verantwortung der Finanzwirtschaft zu übertragen. Dies zeugt von dem Weitblick, den ich mir von einem deutschen Bundespräsidenten wünsche. Gerade Gaucks Lebenserfahrung mit dem Unrechtsregime der DDR verleiht ihm in derartigen Diskussionen ein Gewicht und eine argumentative Stärke, die von seinen Kritikern ohne Polemik kaum widerlegt werden kann.

Joachim Gauck attestierte Thilo Sarrazin Mut. Gauck sagte: „Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik. Die politische Klasse kann aus dem Erfolg von Sarrazins Buch lernen, dass ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen”.

Aus diesem Satz lässt sich keine Bewertung von Sarrazins Thesen herleiten. Gauck lobte Sarrazin lediglich dahin gehend, dass er mit Mut ein lange verschwiegenes Thema in einer aufrüttelnden Weise angepackt hat und das Sarrazin auf diese Weise eine lange überfällige Diskussion anstieß.

Doch Gauck pflichtete Sarrazin inhaltlich nicht bei. Vielmehr erklärte Gauck in einem Gespräch mit der süddeutschen zeitung, dass Sarrazin nicht differenziert, und das er statt dessen versucht, extrem vereinfacht alle Missstände mit einem nicht beweisbarem biologischen Schlüssel zu erklären. Weiter wirft Gauck Sarrazin in dem gleichen Gespräch vor, die Ängste der Menschen vor dem sozialen Abstieg zu instrumentalisieren. Gauck forderte statt dessen eine nüchterne Auseinandersetzung mit dem Problem mangelnder Integration. Auch so etwas wünsche ich mir von einem Bundespräsidenten.

Die NRW-Linke kritisiert weiter: „Mit Blick auf die Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 warnte Gauck vor einer Protestkultur, die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht.“ Das stimmt, das hat Gauck gesagt. Allerdings hatte Gauck zuvor im Jahr 2010 im Hinblick auf Stuttgart 21 im Tagesspiegel auch erklärt: „Egal, wie man die Proteste über Stuttgart 21 inhaltlich bewertet, muss man sich darüber freuen, dass sich Bürger von ihren Sofas erheben und an der demokratischen Willensbildung teilnehmen.”

In einer Volksabstimmung sprach sich die Mehrheit der Stuttgarter übrigens mit einer klaren Mehrheit für Stuttgart 21 aus. Ein demokratischer Prozess des Mehrheitswillens. Das dieser von einigen Stuttgart 21-Gegnern in dieser Form nicht akzeptiert wird, wirft die Frage auf, welche Art von demokratischer Entscheidung denn für diese Menschen akzeptabel ist. Da darf man dann auch mal die Protestkultur in Frage stellen.

Zum Schluss bleibt: Man muss Joachim Gauck nicht lieben, man muss ihn auch nicht wählen, aber aufgrund seiner Lebensgeschichte, aufgrund seines Engagements für die Menschen und die Gesellschaft und aufgrund seines Intellekts hat dieser Mann nicht verdient, dass man sich argumentativ auf Kellerniveau mit ihm auseinandersetzt. Das spiegelt auch die Verleihung der „Schärfsten Klinge“ wieder. Da sollte dann schon etwas mehr kommen, will man sich nicht selbst lächerlich machen.

Geschrieben von am 20.02.2012.

10 Kommentare Gauck nominiert, schon kommen die Nörgler

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  2. vera boehmer

    21/02/2012 bei 11:30

    die kritiker haben also “kellerniveau”? gut, dass sie frei von polemik sind…was an seinen äußerungen lässt sie denn glauben, dass der mann das “wort in perfektion beherrscht”? da hätte er sich aber einige “ausrutscher” nicht erlauben dürfen.
    als mitglied der atlantikbrücke und der deutschen nationalstiftung spricht er sich für krieg und für den kapitalismus aus. und für weitere einschnitte in der sozialpolitik, wobei er die kritik der betroffenen verhöhnt – der mann wird das land weiter spalten!
    ganz abgesehen vom verdacht, dass er zumindest stasi-begünstigter war.
    menschbleiben.wordpress

    • Thorsten Hausen

      21/02/2012 bei 19:54

      Liebe Frau Boehmer,

      niemand erwartet von Joachim Gauck, dass mit ihm ein Heiliger den Posten des Bundespräsidenten betritt. Dafür ist dann wohl eher die Kirche zuständig. Desweiteren ist mir völlig neu, das die Befürwortung des Kapitalismus strafbar oder auch nur moralisch verwerflich wäre. Ähnlich verhält es sich mit dem Umstand das es auf unserer Welt Kriege gibt. Damit müssen wir nun einmal leben. Und das transatlantische Bündnis zu befürworten, daran kann ich nun auch nichts verwerfliches finden. Mit wem würden sie denn lieber ein Bündnis anschließen? Mit Nord-Korea?

  3. Roman Lobinger

    21/02/2012 bei 14:45

    Sehr geehrter Herr Hausen,

    bezüglich der Volksabstimmung (VA) in BW sitzen Sie demselben Irrtum auf, wie viele Ihrer uninformierten Kollegen.
    Bei der VA ging es nicht um das Baurecht zu S21, sondern lediglich um den Finanzierungsanteil des Landes BW an S21 – nicht mehr und nicht weniger.
    Wäre es um die generelle Frage, ob JA oder Nein zu S21, gegangen, hätte selbstverständlich auch das gesetzlich vorgeschriebe Quorum gegolten. Wie sich vielleicht wissen, ist auch bei der VA das Quorum von den S21-Befürwortern nicht erreicht worden. Demnach wäre S21 gescheitert – nicht mehr und nicht weniger!

  4. Thorsten Hausen

    21/02/2012 bei 20:33

    Lieber Herr Lobinger,

    sicher haben sie Recht. Allerdings widerspricht es meiner persönlichen Logik, dass sich eine Mehrheit für die Finanzierung durch das Land BW ausspricht, der Bau allerdings trotz allem nicht gewollt sein soll. Nach meinem Dafürhalten impliziert die Zustimmung zu einer Finanzierung von Stuttgart 21 auch den Willen zur Realisierung des Projekts.

    • Sieghard Wagner

      21/02/2012 bei 22:08

      Lieber Herr Hausen,

      das Thema Stuttgart21 ist vermutlich etwas komplizierter, als dass man es eben mal mit ein paar schematischen Deutungen erklären könnte. In der VA ging es um den Ausstieg des Landes aus einem Vertrag, d.h. dieser Ausstieg hätte vermutlich Schadenersatzklagen nach sich gezogen. Von Ausstiegsgegnern wurden Schadenersatzsummen genannt, die um 50% über dem eigentlichen Förderbeitrag des Landes lagen (1,5 Mrd €). Daneben waren die Stimmanteile der Ausstiegsgegner in Stuttgart-fernen Gegenden mit traditionell hohem CDU-Wählerpotenzial besonders hoch. Dann gab es Stimmen, die einfach nur ihre Ruhe einforderten und hofften, dies mit einem “Nein” zum Ausstieg am schnellsten zu bekommen …
      Das alles hat wenig mit Hr. Gauck zu tun – außer dass es auch ihm gut, sich genau zu informieren, bevor er ein Statement abgibt, genauso wie ich Leser tunlichst die ganze Rede oder zumindest den direkten Zusammenhang kennen sollte, bevor ich mir ein Urteil über ihn bilde.

      • Thorsten Hausen

        22/02/2012 bei 07:28

        Ach, wissen sie, Herr Wagner,

        das Thema Stuttgart 21 hat mich nie interessiert, ich habe mich nicht einmal am Rande damit beschäftigt, ebenso wie mit den Protesten. Was ich ihnen aber zuverlässig dazu sagen kann ist, dass ich es völlig in Ordnung finde, wenn Menschen auf die Straße gehen und für ihre Überzeugungen einstehen. Allerdings ist gerade Stuttgart 21 auch zum Synonym für politische Trittbrettfahrer – soll heißen dritt- oder viertklassige Parteien – geworden. Eines der typischen Merkmale eines dieser Trittbrettfahrer ist es, stets zu warten bis bei einer Sache die Empörung nur groß genug ist, um dann wie der Mäusefänger von Hameln durch das bestehende Panorama zu ziehen und auf Stimmenfang zu gehen während man sich selbst und anderen einredet, man habe das Monopol auf Anstand und Moral gepachtet. Ich persönlich denke, dass Gauck derartige Unsitten auf seine ihm eigene Art und Weise zum Ausdruck bringen wollte, und da stimme ich ihm dann voll zu.

  5. Bakunin

    23/02/2012 bei 20:31

  6. vera boehmer

    23/02/2012 bei 20:59

    heute gelesen bei biopilz.wordpress: “oh oh mit DEM mann steht uns was ins haus…!…hmm, aber das gute das ich an der sache u an dem “neuen” sehe ist, dass da immerhin viele kristallisationskeime zu fruchtbaren prozessen JETZT SCHON sichtbar sind . . .
    “find ich gut!”
    und ich vermute, die nächste präsidenten-”affäre” haben wir mit dem in ein paar monaten. der hat einige leichen im keller, die hoffentlich ein paar gute journalisten finden und zeigen werden.

    “Liebe Frau Boehmer”
    > woher wollen sie das wissen? ich bin nicht lieb, auch keine “nörgler”in. aber kritisch? ja!
    “Ähnlich verhält es sich mit dem Umstand das es auf unserer Welt Kriege gibt. Damit müssen wir nun einmal leben.”
    >aha!
    “Und das transatlantische Bündnis zu befürworten, daran kann ich nun auch nichts verwerfliches finden.”
    >ich schon! vielleicht hab ich darüber einfach nur schon mehr gelesen als sie?
    “Mit wem würden sie denn lieber ein Bündnis anschließen? Mit Nord-Korea?”
    >disqualifiziert!

    • Thorsten Hausen

      25/02/2012 bei 09:37

      Sehr geschätzte Frau Böhmer,

      sicher sind sie völlig anderer Meinung als ich, das bleibt ihnen auch unbenommen. Allerdings möchte ich ihnen zum besseren gegenseitigen Verstehen einmal meine Sicht auf den Menschen im Allgemeinen schildern. Wir Menschen sind nicht die Guten im kosmischen Film des Lebens. Von außen betrachtet sind wir Menschen die bösartigste und aggressivste Lebensform, die von der Natur jemals hervorgebracht wurde. Wir sind schlimmer als jede Krankheit die wir bisher entdeckt haben, und ich sage ihnen auch warum:

      Jeder Virus, jeder Parsit den die Natur hervorbringt, hat aufgrund seiner biologischen Programmierung des Überlebens und der Fortpflanzung erkannt, dass er seinen Wirt erst dann töten darf, wenn der Wechsel zu einem frischen Wirt erfolgreich statt gefunden hat. Dies ist eine Voraussetzung für sein Überleben. Der Mensch dagegen verzehrt seinen Wirt (also unsere schöne Erde), beutet aus, zerstört, vermüllt und verseucht seinen eigenen Lebensraum, wir töten uns gegenseitig aus den niederträchtigsten gründen, wir verletzen und quälen unsere Mitmenschen und unsere Umwelt. Und das Beste ist: Wir haben keine Alternative, wenn dieser Lebensraum zerstört ist, dann gibt es keine zweite Welt die wir mal schnell aus der Tasche ziehen können.

      Warum schreibe ich ihnen das? Ich möchte deutlich machen, dass Kriege etwas sind, was sich niemals verhindern lässt. Sicher haben sie Recht wenn sie gegen Kriege sind, aber Kriege sind Gelddruckmaschinen. Kriege sind ein wesentlicher Wirtschafsfaktor, auch für unsere westliche Welt, und Kriege sind nach ihrer Definition die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Nehmen sie doch endlich ihre verträumte Brille mit romatikfarbenen Gläsern ab und kommen sie in der Realität an. Wir Menschen sind nicht die Guten, wir Menschen sind der lebendige Beweis dafür, dass es im Kosmos kein intelligentes Leben gibt. Da können sie sich zehn Mal mit dem erhobenen Zeigefinger hinstellen und sich einreden sie seien besser, das sind sie nicht. Auch sie tragen mit ihrem Lebensstil munter dazu bei, dass Kriege weiter geführt werden, dass die Umwelt zerstört wird und dass das Ungleichgewicht zwischen armen und reichen Ländern immer größer wird – auch sie helfen da jeden Tag ein wenig mit!

      Nachtrag: Sie haben natürlich Recht wenn sie mir nun widersprechen und argumentieren, dass es auch “anständige” Menschen mit einer humanistischen Grundeinstellung gibt. Doch es ist naiv zu glauben, mit Gewaltlosigkeit könne man Konflikte mit Menschen lösen, deren oberstes Ziel der Kampf ist, man wird in diesem Moment zum Opfer. Und mit dieser Argumentation stimme ich auch mit Herrn Gauck überein, kriege sind nicht immer vermeidbar und deshalb Teil unseres Lebens. Warum sollte man dies beschönigen.

      Übrigens: Der Spruch der Friedensbewegung “Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin” stammt aus einem alten Soldatengedicht, weiter heißt es: “…dann kommt der Krieg zu Euch! Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt, und läßt andere kämpfen für seine Sache, der muß sich vorsehen: Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will, denn er wird kämpfen für die Sache des Feindes, wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.”