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Das Fenster zum Hof

Was ich heute und hier berichte ist durchaus als Präventivmaßnahme zu verstehen. Für alle Leser, die nach Solingen ziehen wollen. Wir zogen vor zwei Jahren von Aufderhöhe in den Stadtteil Höhscheid, allerdings etwas außerhalb.

Heute habe ich das erste Mal den Bürgersteig gekehrt. Die Hausgemeinschaft hatte beschlossen, dass ich das jetzt einmal pro Woche machen soll.

Sie meinen, das sei doch nichts Besonderes? Ich sagte: Solingen. Und ich sagte: kehren. Und das am helllichten Tag, das ist etwas Besonderes. Es war absolut ruhig in der Nachbarschaft, kein Hundegebell, kein Schrottauto aus Oberhausen, keine Laubpuste und Kinder gibt es hier nicht.

Ich stellte unsere Haustüre weit auf und holte den Besen aus dem Keller. Mit etwas unsicheren Schritten ging ich zum Bürgersteig und stellte mich wie in „zwölf Uhr Mittags“ an den Bordstein. Jetzt, ja jetzt wurde ich gesehen. In der 7 bewegte sich die Gardine unten rechts. Ich legte los und schob mit dem neuen Besen die Nadeln der Fichte und anderes Dreckszeug in Micro-Größe vor mir her. Hinter der Küchengardine in 5 sah ich einen Schatten. Der Alte in 3 und die Dünne aus der 4 mussten jetzt unbedingt zum Mülleimer. Sie trug eine Eierverpackung zur blauen Tonne und er hatte ein Säckchen für die gelbe Tonne. Beide gingen in Zeitlupe ohne Worte zum Müll. Keiner von beiden verlor mich dabei aus den Augen.

Hopp, und jetzt musste die aus 3 aus der 1 Etage Handtücher auf dem Balkon aufhängen. Sie hatte mich wie ein Greifvogel mit Dauerwelle voll im Fokus. Die aus dem Reihenhaus musste, eigentlich total aus dem Zeitplan, mit ihrem Hund Gassi gehen. Jetzt wackelten auch immer mehr Gardinen hinter den Fenstern. Dann „mussten“ einige Nachbarn zum Glascontainer und zum Briefkasten und die Bewegung rund um meinen Bürgersteig nahm zu aber die Attacke kam plötzlich. Unerwartet, geplant und in voller Absicht kam der dicke Hermann um die Ecke. Der Mann wohnte auf der Nebenstraße und ich wusste nicht woher der wusste, dass ich hier kehre. Seinen Rollator schob er wie einen Rammbock im Laufschritt vor sich hin und rief mir schon von weitem zu:“Nit in de Jreute, nit in de Jreute!“

Zwei Meter vor meinem Besen machte er Stopp und erklärte mir schnaufend, dass mein Vorgänger anders und viel besser gekehrt hätte und dass der Dreck in die Mülltonne und nicht in den Rinnstein gehört.

Ich hätte alles tun dürfen in dieser Situation aber nicht lachen. Denn „sowas“ wie mich hätte man früher in ein Lager getan. Meinte der dicke Hermann.
Das nächste Mal kehre ich auf jeden Fall in der Nacht.

Geschrieben von am 05.03.2012.

Ein Kommentar Das Fenster zum Hof

  1. W.Fudickar

    05/03/2012 bei 17:24

    ….und Du bist Deutscher, wie soll es da unseren ausländischen Mitbürgern ergehen. Solingen wird es nie hinbekommen, Stadt zu sein. Ich bin stolz kein Solinger zu sein.